Suchoptionen
Startseite Medien Wissenswertes Forschung und Publikationen Statistiken Geldpolitik Der Euro Zahlungsverkehr und Märkte Karriere
Vorschläge
Sortieren nach
Piero Cipollone
Member of the ECB's Executive Board
  • INTERVIEW

Interview mit der Süddeutschen Zeitung

Interview mit Piero Cipollone, geführt von Markus Zydra und Meike Schreiber am 15. Januar 2026

26. Januar 2026

Herr Cipollone, wenn Sie uns in 20 Sekunden erklären sollen, was der größte Vorteil des digitalen Euro ist – was sagen Sie?

Ganz einfach: Er ist unkompliziert. Man kann ihn überall nutzen – in Deutschland und im gesamten Euroraum.

Selbst in der kleinen französischen Bäckerei irgendwo auf dem Land und wenn ich kein Smartphone habe?

Ja, alle Händler, die heute digitale Zahlungen akzeptieren, werden künftig verpflichtet sein, auch den digitalen Euro anzunehmen. Und die Händler werden zufrieden sein, denn die Gebühren werden deutlich sinken – schließlich stellt die EZB die Infrastruktur bereit.

Aber brauche ich dafür wirklich einen digitalen Euro? Ich kann doch auch mit Karte oder bar bezahlen.

Natürlich. Aber mit Bargeld kann man eben nicht digital bezahlen, z. B. beim Online-Shopping. Außerdem fallen bei Kartenzahlungen häufig Kontogebühren an. Die Standardfunktionen des digitalen Euro werden hingegen kostenlos sein. Er wird wie Bargeld sein, nur digital. Wir schaffen einfach eine zusätzliche Option. Münzen und Scheine bleiben erhalten, niemand wird zum Umstieg gezwungen.

Wo liegt mein digitales Geld?

Auf den Servern des Eurosystems oder auf Ihrem Smartphone. Sie können den digitalen Euro auch auf eine Karte mit dem Logo des digitalen Euro herunterladen.

Und wenn mein Handy oder meine Karte gestohlen wird – ist mein Geld dann weg?

Nein, das Geld auf Ihrem Konto ist sicher. Bei einem Diebstahl Ihres Handys könnten Sie noch von anderen Geräten aus auf Ihr Geld zugreifen. Der Dieb kann es nicht ausgeben. Auf Ihrem Handy liegt nur das Geld, das Sie für die Offline-Nutzung in Ihr digitales Portemonnaie heruntergeladen haben. Der Verlust Ihres Smartphones oder Ihrer Karte wäre also vergleichbar mit dem Verlust Ihres physischen Portemonnaies – nur das dort vorhandene Geld wäre weg. Natürlich könnten Sie Ihr Gerät oder Ihre Karte bei Verlust sperren lassen. Werden sie gefunden, so wäre auch das darauf gespeicherte Geld wieder da. Wichtig ist jedoch auch, dass wir nicht vergessen, welche strategische Bedeutung der digitale Euro hat.

Was meinen Sie damit?

Wir sind mehr als nur Konsumenten, wir sind vor allem Bürgerinnen und Bürger Europas. Gibt es Ihnen nicht Sicherheit, wenn das Geld, mit dem Sie täglich bezahlen, auf europäischer Technologie basiert – also in europäischen Händen liegt und nicht von Dritten abhängig ist?

Warum ist das wichtig?

Denken Sie an die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs, die von den USA sanktioniert wurden, nur weil sie ihre Arbeit taten. Ihre amerikanischen Karten wurden gesperrt – und ihre Zahlungsmöglichkeiten in Europa waren eingeschränkt, weil sie von Visa und Mastercard blockiert wurden. Mit einem digitalen Euro hätten sie weiterhin im gesamten Euroraum Zahlungen tätigen können.

In Deutschland gibt es ja immerhin andere Bankkarten.

Ja, allerdings kommen derzeit internationale Kartensysteme zum Einsatz, wenn eine deutsche Karte in anderen Euro-Ländern oder bei Online-Zahlungen verwendet wird. Und in 13 Ländern des Euroraums existiert kein eigenes Zahlungssystem. In Österreich etwa kann man entweder bar zahlen oder US-amerikanische Karten nutzen. In Spanien und Finnland sieht es ähnlich aus.

Was müsste also passieren?

Wir brauchen ein digitales Pendant zum Bargeld: den digitalen Euro.

Welche praktischen Gründe gibt es dafür?

Rund ein Drittel aller Zahlungen läuft heutzutage online ab – und in Online-Shops funktioniert Bargeld nun einmal nicht. Öffentliches Geld, das es derzeit nur in Form von Bargeld gibt, deckt also diesen in unserem Alltag mittlerweile sehr wichtigen Bereich nicht ab. Und selbst im Supermarkt: Wer bar zahlt, braucht oft länger an der Kasse. Das ist ein klarer Nachteil für alle, die mit öffentlichem Geld bezahlen möchten – es sei denn, wir schaffen ein digitales Pendant zum Bargeld. Deshalb brauchen wir neben den Euro-Banknoten und -Münzen auch einen digitalen Euro.

Was muss noch geschehen?

Der digitale Euro muss überall nutzbar sein. Händler müssen ihn akzeptieren, Banken müssen Zahlungen zwischen ihren Systemen austauschen können. Es braucht also die „Leitung“ – die Zahlungsinfrastruktur – und die „Flüssigkeit“, den digitalen Euro, der darin fließt. Mit dem digitalen Euro bekämen wir beides.

Wird die EZB damit nicht zur Konkurrenz privater Anbieter?

Ganz im Gegenteil. Mit dem digitalen Euro schaffen wir einen europäischen Standard. Dank der gemeinsamen Infrastruktur könnten Anbieter wie der neue Bezahldienst Wero, eine Initiative mehrerer europäischer Banken, überall in Europa tätig sein. Das ist wie ein öffentliches Schienennetz, auf dem jedes Eisenbahnunternehmen seine Züge einsetzen und jedes Ziel erreichen kann. Mit einer solchen Infrastruktur wird es einfacher für private europäische Anbieter von Zahlungssystemen, ihr Geschäft auszuweiten und überall im Euroraum anzubieten.

Auch Visa, Mastercard und PayPal? Dann bleibt die Macht doch trotzdem in Amerika.

Heute besitzen US-Konzerne kritische Teile der Infrastruktur – sie können uns theoretisch den Stecker ziehen. Mit einer europäischen Infrastruktur würden die „Schienen“ uns gehören. Beim Ausfall eines Anbieters hätten wir in Europa noch genug Alternativen.

Trotzdem gibt es viel Misstrauen gegenüber dem Projekt. Einige vergleichen die Debatte mit jener um die Impfpflicht. Woran liegt das?

An den vielen Fehlinformationen. Manche behaupten, die EZB wolle kontrollieren, wofür die Menschen ihr Geld ausgeben. Das ist Unsinn.

Aber Sie prüfen „bedingte“ Zahlungen.

Ja, aber das hat nichts mit programmierbarem Geld zu tun. Bedingte Zahlungen laufen automatisch ab, der Zahlende legt die Bedingungen fest. Sie sind bereits weit verbreitet. Wenn Sie beispielsweise einen Dauerauftrag für Ihre Miete einrichten, ist das eine bedingte Zahlung (denn sie ist an Zeit geknüpft – die Miete wird jeden Monat automatisch am gleichen Tag überwiesen). Mit dem digitalen Euro werden Menschen und Unternehmen bedingte Zahlungen auf vielfältigere Weise nutzen können, beispielsweise um Rückerstattungen zu automatisieren.

Sie könnten aber auch missbraucht werden – etwa um Käufe zu blockieren.

Nein, jeder einzelne digitale Euro ist voll gleichwertig, und jeder kann frei entscheiden, wie er ihn verwendet. Die Bedingung für einen Zahlungsvorgang können allein der Zahlende und der Zahlungsempfänger festlegen – etwa: „Das Ticket wird nur bezahlt, wenn der Zug auch tatsächlich fährt.“

Kann man mit dem digitalen Euro bestimmte Einkäufe blockieren? 

Nein. Das Eurosystem ist nicht befugt, Einkäufe zu blockieren. Wenn eine Zahlung angewiesen wird, reservieren wir den entsprechenden Betrag, verfolgen aber keine einzelnen Geldeinheiten. Um Ausgaben zu steuern, müsste man jede digitale „Banknote“ markieren. Dann könnte der Händler sagen: „Tut mir leid, damit können Sie dieses Produkt nicht kaufen, das Geld ist ausschließlich für Lebensmittel bestimmt.“

Wie Lebensmittelgutscheine nach dem Krieg?

Weder die EZB noch sonst irgendjemand wird digitale Euro nach diesem Muster markieren können. Wir erfassen einzig den Zahlungsbetrag der Transaktion sowie die verschlüsselten Codes des Zahlenden und des Empfängers des Geldes. Wir wissen aber weder, wer diese Personen sind, noch wofür sie ihr Geld ausgeben. Sie bleiben für uns anonym.

Viele Menschen fürchten trotzdem den „gläsernen Bürger“.

Niemand wird gezwungen, den digitalen Euro zu nutzen. Man kann auch in Zukunft bar oder mit einem anderen Zahlungsmittel bezahlen. Im Übrigen betreibt die EZB seit Jahren große Systeme wie TARGET Instant Payment Settlement, das täglich acht bis zehn Millionen Transaktionen abwickelt – sogar für Länder außerhalb des Euroraums wie Schweden und Dänemark – und hat den Datenschutz dabei stets zuverlässig gewahrt.

Der digitale Euro soll auch offline, also ohne Internetverbindung, als Zahlungsmittel eingesetzt werden können. Was ist da der Vorteil? 

Er kann immer und überall verwendet werden – sogar in abgelegenen Gebieten oder bei Stromausfall. Wenn Sie offline mit dem digitalen Euro bezahlen, erfährt nicht einmal Ihre Bank, wer wem etwas gezahlt hat.

Aber sobald man wieder online ist, wird das doch erfasst?

Man kann es gut mit einem Portemonnaie vergleichen: erst muss man Geld hineintun, dann kann man es ausgeben. Aber wenn das Geld im digitalen Portemonnaie liegt, ist Ihre Privatsphäre so gut geschützt wie beim Bargeld: Wenn ich Ihnen offline 100 € zahle, wird die Transaktion nicht erfasst. Sie bleibt privat. Bei der nächsten Online-Verbindung können Sie Ihr Online-Konto dann wieder auffüllen. Es funktioniert also fast wie Bargeld.

Ein paar Mitglieder des Europäischen Parlaments stehen dem digitalen Euro skeptisch gegenüber. 2027 startet ein Pilotprojekt, mit der Einführung des digitalen Euro wird aber frühestens 2029 gerechnet – und währenddessen wächst der Druck aus den USA. Geht das nicht alles zu langsam?

Wenn die Gesetze heute stünden, würden Händler und IT-Dienstleister sofort mit der Umsetzung beginnen. Sobald die Regeln feststehen, können die Standards für den digitalen Euro allen bereitgestellt werden. Der Einzelhandel wird sich „fit für den digitalen Euro“ machen. Konkret bedeutet dies, dass private europäische Anbieter von Zahlungssystemen dann die kostenlosen Standards für den digitalen Euro nutzen können, um ihr Geschäft auszubauen, schon bevor der digitale Euro ausgegeben wird. Aber jede Verzögerung erhöht unsere Abhängigkeit von ausländischen Zahlungssystemen.

KONTAKT

Europäische Zentralbank

Generaldirektion Kommunikation

Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.

Ansprechpartner für Medienvertreter